Neu im Archiv – Frühjahr 2014 – Bücher zum Thema Lesen

Wir tun es alle täglich – ja beinahe scheint es zum Reflex zu werden, sobald wir lesen gelernt haben. Spätestens nach dem vierten Schuljahr vergessen wir, dass es Zeiten gab, in denen Buchstaben noch keine bunten Bilder in unsere Köpfe zauberten. Doch auch das Auge eines erfahrenen Lesers bedarf einem Mindestmaß an Führung. Deshalb beschäftigen sich Typografen mit der Lesbarkeit und der übersichtlichen Strukturierung von Texten. Doch damit nicht genug, denn ein guter Typograf ist ein Meister der Verführung, der es versteht die Blicke unschuldiger Passanten auf das Papier zu bannen. Nun aber Vorhang auf für drei spannende Projekte, deren Autoren sich selber zu Wort gemeldet haben. Mehr zum Thema Lesen gibts im buchlabor-Archiv.

Graphem Inna Levcenko  Graphem  Inna Levcenko

Was studierst Du? Ich studiere Design Medien Kommunikation im 5. Semester.

Worum geht es in Deinem Buch? Bei meinem Projekt Graphem – Wortbild zur Lesbarkeit handelt es sich nicht direkt um ein Buch, sondern eher eine Themensammlung in einem Schuber, die vielleicht auch als Buch angesehen werden kann. Was ein Buch ist – da scheiden sich ja oft die Geister. Daher bezeichne ich es lieber als Themensammlung aus fünf Broschüren mit eingebauten Plakaten, welche sich mit verschiedenen Themen der Lesbarkeit beschäftigen. Es geht um Themen wie Zeichenerkennung, Lesebewegung, Leserichtung, Klein- und Großschreibung und Ligaturen. Inhaltlich wird der Versuch unternommen, die jeweiligen Themen nicht nur so verständlich und einfach wie möglich darzulegen, um den Leser zur Beschäftigung mit diesen Themen zu animieren, sondern auch fest vorhandene Muster in unserer Lesekultur in Frage zu stellen. Ist zum Beispiel eine andere Leserichtung möglich? Ist Kleinschreibung nicht doch die bessere Schreibweise? Sind Ligaturen nur schön oder auch sinnvoll?

Wie kamst Du auf die Idee? Die folgende Situation kennt wohl jeder: Wenn man sich mal freiwillig oder unfreiwillig mit wissenschaftlichen oder stark theoretischen Texten beschäftigt, ist das oft kein großes Vergnügen. Das liegt oftmals nicht so sehr am trockenen Inhalt oder einer unverständlichen Theoriesprache, sondern oft auch an der ästhetischen Themengestaltung. Die Texte sind furchtbar gesetzt und schlecht lesbar, es gibt keine sofort durchschaubare Hierarchie der Inhalte, vom Fehlen anschaulicher Abbildungen ganz zu schweigen. Ironischer Weise ging es mir bei der Recherche zum Thema Lesbarkeit für dieses Seminar genauso. Viele Texte redeten um den heißen Brei herum und erklärten einfache Sachverhalte unnötig kompliziert. Schaubilder waren furchtbar gestaltet und die Texte in einigen wissenschaftlichen Büchern schlecht gesetzt. Man liest also über Lesbarkeit und muss sich alles mühevoll auseinanderklamüsern, rausschreiben oder skizzieren, um am Ende festzustellen, dass es auch einfacher gehen könnte. Und genau das habe ich versucht. Es soll nicht nur leicht verständlich sein, das Ziel war, dass der Leser bei der Beschäftigung mit diesen Texten Spaß hat. Die Broschüren mit integrierten Plakaten geben ihm die Möglichkeit, bei Bedarf nur leicht an der Themenoberfläche zu kratzen oder gleich ganz einzutauchen und mehr zu erfahren. Wenn ich in meiner Recherchezeit für das Projekt auf solche Medien gestoßen wäre, hätte es mich sehr gefreut. Die Themensammlung soll also als Hilfestellung beim Erlernen theoretischer Sachverhalte zum Thema Lesbarkeit dienen.

Was kannst Du zur Gestaltung erzählen? Jede Broschüre / Thema besitzt ein eigenes Farbschema aus zwei kontrastierenden Farben. Damit wollte ich einerseits eine klare optische Unterscheidung zwischen den Themen gewährleisten, andererseits sollte dem Leser durch die bunte Welt der Broschüren die Angst vor den »trockenen« Themen genommen werden. Zudem gab es zusätzlich zu der Leseschriftart jeweils einen anderen Font für die Plakat- und Überschriftengestaltung. Die Bildsprache sollte einfach und informativ, aber auch interessant und auffällig sein und den Betrachter neugierig machen.

Beschreibe Deinen Arbeitsprozess. Als erstes kam natürlich die Recherche aller möglichen Informationen zu den fünf Themen, von denen es ursprünglich sogar noch ein paar mehr gab, doch aus zeittechnischen Gründen wurden diese gestrichen. Dann folgte die Textarbeit: Texte formulieren und zig Mal umschreiben, um sie so verständlich wie möglich zu machen. Dummerweise habe ich festgestellt, dass ich beim Schreiben auch gleichzeitig angefangen habe zu gestalten. Schließlich war der Satzspiegel für die Broschüren schon fertig und wenn die Zeilen mal zu kurz oder zu lang wurden, der Flattersatz nicht so schön flatterte, oder sonst irgendetwas störte, begann ich, die Texte so lange umzuformulieren und zu trimmen, bis es schön aussah. Ich hoffe, dass das Textverständnis dabei nicht gelitten hat. Und zum Schluss kam natürlich die Reinzeichnung und die Produktion.

Gehören neben dem Buch noch andere Medien zu dem Projekt? Im Prinzip besteht mein Projekt ja aus zwei Medien: eine achtseitige Broschüre, die durch einen Schlitzfalz zwischen der dritten und der vierten Seite zu einem Plakat auf der Rückseite ausgefaltet werden kann. Wenn man dieses dann an der Wand befestigt, ist der Schlitz in der Mitte kaum zu sehen. Beide Medien funktionieren nur miteinander. Das Plakat ist die erste Ebene, die neugierig machen oder als Gedächtnisstütze fungieren soll. Die Broschüre ist das tiefergehende Medium, dass viele weite Informationen preisgibt.

Was möchtest du noch hinzufügen? Nur, dass wenn man sich bei einem Projekt für eine Plakat-Schlitzfalz entscheidet, darüber im Klaren sein muss, dass dies sehr viel Arbeit und Einschränkungen in der Produktion bedeutet :) Dieser sogenannte Instant Folder ist bei den meisten Druckereien noch recht unbekannt und nur wenige Buchbinder trauen ihn sich zu, wenn es exakt werden muss. In diesem Projekt habe ich nicht nur gestalterisch, sondern auch produktionstechnisch einiges gelernt. Wenn man genau weiß, wie es geht, klappt es beim nächsten mal besser, denn so ein Instant Folder ist schon eine schicke Sache.

machen Sie! Florian Kronenberg  machen Sie! Florian Kronenberg

Was studierst Du? Ich studiere Design Medien Kommunikation mit dem Schwerpunkt Grafikdesign.

Worum geht es in Deinem Buch? Mein Buch beschäftigt sich mit der Frage, ob es für Anzeigenwerbung bestimmte Regeln gibt, nach denen sich Gestalter richten sollten, um ihre Wirkung zu verbessern.

Wie kamst Du auf die Idee? Ich hatte mich als Vorbereitung für meine Bachelorarbeit sehr intensiv mit dem Thema Werbung auseinandergesetzt und bin im Zuge dieser Recherche auf die Aussagen von David Ogilvy, dem Gründer der Werbeagentur Ogilvy & Mather, gestoßen. Seine Statements aus den 60er und 70er Jahren habe ich als Grundlage genutzt um aktuelle Werbeanzeigen daraufhin zu untersuchen, ob diese Regeln auch heute noch von Gestaltern angewendet werden.

Was kannst Du zur Gestaltung erzählen? Das Format leitet sich aus einem Durchschnittswert von Magazinformaten ab, ist aber etwas kleiner, damit das Buch einfacher zu handhaben ist. Bei der Schriftwahl habe ich mich für die Excelsior für den Fließtext entschieden. Sie wurde in den 1960er Jahren viel für den Zeitungssatz verwendet, in dieser Zeit gründet Ogilvy auch seine Agentur. In den Überschriften nutzte ich als Kontrast die Super Grotesk. Sie wurde im Jahr 1999 überarbeitet, in diesem Jahr starb David Ogilvy.

Beschreibe Deinen Arbeitsprozess. Nachdem ich die Aussagen Ogilvys gesammelt hatte, habe ich aktuelle Werbeanzeigen recherchiert und nach Branchen geordnet. Es wurde schnell klar, dass sich Anzeigen zu bestimmten Produkten erschreckend ähnlich sehen. Diese Sammlung wurde der erste Teil des Buches. Um zu prüfen, ob Ogilvys Regeln auch heute noch gültig sind, habe ich einige Anzeigen ausgewählt, die den Regeln entsprechen und zu jeder dieser Anzeigen ein Pendant angefertigt, welches die Regeln bricht. Also Beispielsweise eine Anzeige mit in Versalien gesetzter Headline und eine, deren Headline in gemischter Schreibweise gesetzt ist. Mit diesen Paaren habe ich eine Umfrage durchgeführt, deren Ergebnisse den zweiten Teil des Buches ausmachen.

Angli~can Jan Leismann  Angli~can  Jan Leismann

Was studierst Du? Design Medien Kommunikation, Schwerpunkt Grafikdesign im sechsten Semester. Mein eigener inhaltlicher Interessenschwerpunkt liegt auf dem Wechselspiel von Text und Grafikdesign.

Worum geht es in Deinem Buch? Ziel der digitalen Publikation Angli~can war eine Einschätzung von Anglizismen bezüglich ihrer Wirkung auf die Qualität und Effektivität von Kommunikation, losgelöst von einer persönlichen Identifikation mit dieser Form des Sprachgebrauchs oder dessen Ablehnung.
Ich wollte neutral erarbeiten, was Anglizismen mit einem Lesetext und allgemein mit unserem Leseverhalten anstellen und die Ergebnisse dann schlüssig visualisieren.

Wie kamst Du auf die Idee? Gerade im Bereich des Kommunikationsdesign ist mir aufgefallen, dass beim Beschreiben und Präsentieren eine möglichst abstrakte Sprache zum Einsatz kommt. Vielleicht, um von der Komplexität der Arbeit zu überzeugen oder die eigene Fachkenntnis zu unterstreichen. Nicht unwichtig scheinen dabei die Anglizismen zu sein und so begann ich zu überlegen, ob man sie als eine Art rhetorisches Stilmittel ansehen und unter diesem Aspekt erforschen könnte.

Was kannst Du zur Gestaltung erzählen? Die Gestaltung der digitalen Publikation ist minimalistisch und informativ. Sie vermittelt über Konturen- und Linienelemente die Möglichkeiten zur Navigation. Die primäre Farbe ist ein, an den Korrekturstift erinnerndes Rot. Zusammen mit der Sekundärfarbe Blau, greift die Gestaltung zudem die UK- und US-Landesfarben auf. Von klassischen Buch- und Satzschriften inspiriert, ist die primäre Schrift eine Mischung aus geschwungener Barock-Antiqua und aufrechter Egyptienne. In Bezug auf den vermeintlichen Zerfall des deutschstämmigen Vokabulars empfand ich den Einsatz einer Barock-Antiqua aufgrund der Anspielung an das barocke Bewusstsein der Vergänglichkeit als äußerst passend.

Beschreibe Deinen Arbeitsprozess. Die Recherche habe ich zu einem Großteil in die Bibliothek verlagert. Dort habe ich Statistiken zur Schreibweise von Anglizismen erhoben und Literatur gesammelt. Jedoch muss ich hinzufügen, dass auch die Datenbank der Deutschen Nationalbibliothek eine wichtige Station der Recherche war. Ich habe außerdem eigene Umfragen entworfen und begonnen, jedoch ausschließlich zur Thesenprüfung für das Essay verwendet. Das Essay habe ich relativ spät im Arbeitsprozess verfasst, da ich die doch etwas abstrakte Thematik nicht umgehend greifbar beschreiben konnte. Die Rücksprache mit meinen Kommilitonen im Verlauf des Kurses hat mich dann auf die richtigen Fragen gebracht. Der Dummy der digitalen Publikation ist mit der Digital Publishing Suite von InDesign erstellt.
Die Grundidee für das Einbinden von Animationen war, diese im Framework Processing selbst zu programmieren und danach in ein HTML-Dokument einzubinden. Dies funktioniert über dasCanvas-Tag, eine Art Klammer, die es ermöglicht Applets, welche z.B. auf Java oder Processing basieren, für die Bedienung im Browser bereit zu stellen. Das HTML-Dokument wurde dann als Webinhalt in InDesign geladen und als bedienbare Funktion im Adobe Content Viewer angezeigt.

Gehören neben dem Buch noch andere Medien zu dem Projekt? Die interaktiven Animationen innerhalb der digitalen Publikation waren zeitweise als eigenständige Applikationen angedacht, wurden von mir aber als solche letztendlich doch nicht umgesetzt.

Was möchtest du noch hinzufügen? Insgesamt soll das Essay keine wissenschaftlich zitierbare Arbeit sein, sondern vor allem ein Ideen-Konstrukt, zur Überprüfung der gesellschaftlichen Sichtweise auf Anglizismen als Stilmittel innerhalb der Kommunikation.

 

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